Inkontinenz


Der medizinische Fachbegriff Inkontinenz (lat.: incontinentia = nicht zurückhalten) beschreibt die mangelnde Kontrolle über die Ausscheidungen aus Blase und Darm. Die Hintergründe sind vielfältig und reichen von organischen Erkrankungen bis hin zu Nebenwirkungen von Medikamenten oder individuellen Stressfaktoren.

Eine Inkontinenz kann sich sowohl auf den Harn (Urin) als auch den Darm (Kot) beziehen. Beide Krankheitsformen betreffen Frauen und Männer gleichermaßen, wobei die Harninkontinenz weitaus häufiger vorkommt.

Inkontinenz
© absolutimages

Ursachen von Inkontinenz

Nachfolgend stellen wir Ihnen einige mögliche Ursachen von Inkontinenz vor.

Funktionelle Störungen der Blasenfunktion

Die Gründe gehen auf eine Funktionsstörung im Nervensystem zurück. Die sogenannte neurogene Blase kommt häufig als Folge von Verletzungen des Rückenmarks vor, beispielsweise nach Unfällen. Auch Anomalien im Bereich des kleinen Beckens rufen eine entsprechende Einschränkung der Blasenfunktion hervor.

Die Blase reagiert entweder mit Lähmungserscheinungen oder genau gegenteilig mit einer stark erhöhten Aktivität.

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Eingeschränkte Funktion des Schließmuskels

Eine partielle oder vollständige Beeinträchtigung des Schließmuskels ist einem stark überdehnten Enddarm geschuldet. Die Überdehnung ist das Resultat einer lange bestehenden chronischen Verstopfung.

Bei schwangeren Frauen kommt es während der Geburt gelegentlich zu einem Dammriss, der ebenfalls Grund für eine Störung des Schließmuskels ist. Darüber hinaus sind Verletzungen in Folge eines geschwächten Bindegewebes oder nach einer Tumoroperation eine Ursache.

Schwächung der Beckenbodenmuskulatur

Ein geschwächter Beckenboden zählt zu den häufigsten Auslösern von Inkontinenz. Dieses Phänomen betrifft im Wesentlichen Frauen im Zusammenhang mit einer Schwangerschaft. Die Geburt stellt eine deutliche Belastung für den Körper dar und setzt die Funktionalität der Beckenbodenmuskulatur herab. Die Gebärmutter sinkt ab und drückt dadurch auf die Harnblase.

Dieses Phänomen tritt auch bei Personen auf, die ein erhebliches Übergewicht aufweisen.

Beckenbodenmuskulatur und Blaseninkontinenz
Darstellung der Beckenbodenmuskulatur um die Harnröhre © wosczynamathias / Fotolia

Neurologische Ursachen

Viele neurologische Erkrankungen wirken sich in einem fortgeschrittenen Stadium auf die Blasenfunktion aus. Der Grund ist die zunehmende Ausprägung der Nervenschädigungen im Krankheitsverlauf. Beispiele für entsprechende Krankheiten sind unter anderem

  • Alzheimer
  • Gehirntumore
  • Schlaganfälle
  • Multiple Sklerose
  • vollständige Querschnittlähmung (Tetraplegie)

Bei reversiblen Erkrankungen kann sich die Inkontinenz im Gesundungsprozess auch wieder zurückbilden. Hierzu zählen gutartige Hirntumoren oder ein therapierter Schlaganfall.

Formen der Inkontinenz

Harndrang

Die Dranginkontinenz basiert auf einem starken Harndrang, der ohne Vorzeichen plötzlich in Erscheinung tritt. Der drängende Verlauf erlaubt es betroffenen Personen nicht mehr, zeitnah eine Toilette aufzusuchen.

Der akute Harndrang hat nichts mit einer übervollen Blase zu tun, sondern beruht auf dem Unvermögen, die Blasenmuskulatur zu kontrollieren. Die Kontraktion des Muskels, der für die Blasenentleerung zuständig ist, wird nicht mehr willentlich gesteuert.

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Belastung

Bei der Belastungsinkontinenz, die von allen Formen am häufigsten vorkommt, führt eine übermäßige körperliche Beanspruchung zu einem unbeabsichtigten Harnverlust. Auch wenn der Begriff „Belastung“ von vielen Menschen mit einer psychischen Problematik assoziiert wird, handelt es sich hierbei nicht um eine Stressinkontinenz. Es stehen ausschließlich physische Ursachen im Fokus. Als Belastungen gilt etwa ein heftiger Hustenanfall oder das Tragen von schweren Gegenständen.

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Überlaufen

Die Überlaufinkontinenz beruht auf dem Unvermögen, die Blase in ausreichendem Maße zu entleeren. Die Toilette wird problemlos rechtzeitig aufgesucht, jedoch kommt es dabei nicht zu einer vollständigen Blasenentleerung.

Die Muskulatur der Blase ist deutlich geschwächt, und eine kleine Menge Resturin verbleibt in der Blase. Betroffene Personen erleben einen konstanten leichten Harndrang.

Reflex

Bei der Reflexinkontinenz fehlt die verlässliche Wahrnehmung, dass die Blase voll ist und geleert werden muss. Verantwortlich ist eine Störung der hierzu benötigten Impulsübertragung in den Nervenzellen.

Den Betroffenen fehlt die erforderliche zuverlässige und vom eigenen Willen gesteuerte Kontrollfunktion über die Blasenmuskulatur. Der Kontrollverlust führt zu einer reflexartigen Entleerung der Blase ohne die Möglichkeit, die Notwendigkeit eines Toilettengangs rechtzeitig zu erkennen.

Stuhl

Die Stuhlinkontinenz bezeichnet das Unvermögen, die Darmausscheidungen ausreichend selbst zu kontrollieren. Der Darm entleert sich partiell oder vollständig von selbst, ohne über den eigenen Willen gesteuert zu werden.

Als Ursache werden neurologische, muskuläre und sensorische Faktoren voneinander unterschieden. Folgen von Schlaganfällen oder Tumorerkrankungen sind Beispiele für neurologische Ursachen. Störungen der Schließmuskelfunktion gelten als muskulär motiviert. Entzündungsherde am und im Darm sprechen für sensorische Gründe.

Diagnose der Inkontinenz

Um eine Inkontinenz zu bestimmen, ist ein ausführliches ärztliches Gespräch erforderlich. Hier wird Krankengeschichte des Patienten erhoben und die genaue Symptomatik erfragt.

Hinweise auf Vorerkrankungen oder zurückliegende Operationen sind wichtig für die Diagnose. Für die genauere Bestimmung erfragt der Arzt die Häufigkeit von

  • Toilettengängen
  • Harndrang
  • Harnverlust
  • Medikamenteneinnahme

Auch eine körperliche Untersuchung ist wesentlicher Bestandteil für die Diagnosestellung.

Behandlung der Inkontinenz

Medikamentöse Therapie

Je nach Ursache der Inkontinenz werden verschiedene Medikamente verordnet:

  • Krampflösende Substanzen kommen bei einer Dranginkontinenz zum Einsatz. Sie bewirken ein Nachlassen des Handrangs durch Verringerung der Muskelkontraktion.
  • Muskelentspannende Wirkstoffe werden bei der Reflexinkontinenz verschrieben. Sie hemmen die Spontanaktivitäten des Blasenmuskels.
  • Bei der Überlaufinkontinenz sind Medikamente entscheidend, die eine vollständige Blasenentleerung erleichtern.

Physiotherapie

Eine physiotherapeutische Behandlung ist vor allem bei einer geschwächten Muskulatur des Beckenbodens empfehlenswert. Durch gezieltes Beckenbodentraining lassen sich die Muskeln willentlich bewegen.

Ein spezielles Training stabilisiert bei regelmäßiger Durchführung den Beckenboden nachhaltig. Eine Inkontinenz in diesem Zusammenhang wird meist vollständig behoben. Zielgruppe für die Behandlung sind Frauen nach einer Entbindung oder nach einem gynäkologischen Eingriff.

Operation

Eine operative Behandlung ist in der Regel die letzte Möglichkeit, nach dem alle anderen Optionen ausgeschöpft wurden.

Ein Beispiel für einen solchen Eingriff ist der Blasenschrittmacher, der die Aktivitäten der Blase entweder beruhigt oder stimuliert.

Weiterhin begrenzt ein Harnröhrenimplantat das spontane Fließen von Urin.

Bei einer Belastungsinkontinenz lässt sich darüber hinaus durch eine Anhebung des sogenannten Blasenhalses eine Verbesserung der Symptome erreichen.

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Hilfsmittelversorgung

Die Versorgung mit Inkontinenzprodukten kommt für Betroffene einer chronischen Erkrankung infrage. Hier stehen sogenannte offene und geschlossene Versorgungssysteme zur Verfügung.

Zum offenen System zählen spezielle Einlagen (Binden) oder Vorlagen (für größere Saugfähigkeit), die zusammen mit einem Slip getragen werden.

Für das geschlossene System stehen atmungsaktive Einmal-Slips oder Pants für Menschen mit schwerer Inkontinenz, beispielsweise bei pflegebedürftigen Personen, zur Verfügung.

Vorbeugung und eigene Mitwirkung

Durch einen gesunden Lebensstil und eine Vermeidung von Belastungen lässt sich einer Blasenschwäche vielfach vorbeugen. Möglichkeiten der Mitwirkung sind unter anderem:

  • Normalisierung des Körpergewichts
  • Erhöhung der Flüssigkeitsaufnahme (Vermeidung von Blaseninfekten)
  • Ernährung (ballaststoffeich bei Stuhlinkontinenz)
  • Häufigkeit der Toilettenbesuche (regelmäßige Blasenentleerung)
  • Entspannungsübungen (zur Stressvermeidung bei bestehender Inkontinenz)